cbt Cover - Teufelsengel

Interview

 

Die Schönheit der Angst

 

Monika Feth über ihre Liebe zu Psychopathen und die Ästhetik des Schreibens

 
Monika Feth

© Isabelle Grubert

Sie sagten einmal, dass Sie auch Ihre Psychopathen lieben.

(lacht) Ja. Fast mehr als meine anderen Figuren.

Um Himmels Willen ... Warum denn das?

Ich muss mich mit meinen Tätern viel intensiver auseinander setzen. Ich muss viel Unverständlicheres begreifen.

Ihre Täter morden nie leichtfertig.

Sie sind Menschen, die unter dem, was sie tun, leiden. Die sich damit auseinandersetzen, die kämpfen und verlieren. Und dann morden. Leute, die losziehen und einfach jemanden umbringen, würden mich nicht interessieren. Das wäre mir viel zu primitiv.

Sie würden auch nicht über einen Bankräuber schreiben.

Niemals. Der wäre mir vollkommen unwichtig. Aber ich kann über jemanden schreiben, der aus verschmähter Liebe mordet. Oder der die Frau, die ihn nicht mehr liebt, entführt, um sie auf völlig wahnsinnige Art und Weise festzuhalten.

Diese Menschen faszinieren Sie sehr.

Ja. Ich empfinde meine Täter als irrsinnig charismatische Menschen. Und ich finde sie so reich, sie haben so ein reiches Innenleben.

Mit einer sehr dunklen Seite ...

Das ist das Thema, das ich in meinen Thrillern variiere. Jeder Mensch hat eine helle und eine dunkle Seite. Verbrechen passieren in dem Moment, in dem die dunkle Seite überhand nimmt und die helle Seite verdeckt.

Zum ersten Mal haben Sie das im Erdbeerpflücker beim Mord an Caro erlebt.

Um sie trauere ich noch heute. So seltsam das klingen mag. Ich mochte sie sehr, weil sie so verletzlich war. Auf sie musste ich aufpassen, mehr als auf meine anderen Figuren. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich brauchte. Aber ich konnte sie nicht retten.

Weil der Mann, den sie liebte, sie tötete.

Ist das nicht das Perfideste an Mord, das es gibt? Abgesehen vom Kindermord. Jemand, dem man Liebe gibt, nimmt einem das Leben! Es ist so erschütternd, dass Liebe tödlich sein kann.

Und es ist schrecklich, Ihren Figuren dabei zusehen zu müssen, wie sie in ihr Elend laufen.

Häufig kann ich das kaum ertragen ...

Dem Leser geht es ähnlich.

Aber der Leser lässt keinen Mord geschehen. Sondern ich.

Warum tun Sie es?

Weil es sonst kein Krimi wäre. Ich benutze die Form des Krimis, um meine Themen spannend zu verpacken. Einen Psychothriller kann ich nur schreiben, wenn ich Ängste anspreche.

Urängste ...

... die ich in mir selber sehe und in anderen vermute. Die Angst zu sterben, gequält zu werden, verlassen zu werden. Wenn man sich mit diesen Ängsten konfrontiert, aber genau weiß, dass es in der Sicherheit des heimischen Wohnzimmers passiert – dann kann man sich ihnen aussetzen, ohne dass sie einen überwältigen können. Man wird nicht umgebracht, sondern kann der Überlebende sein.

Wenn man Krimis liest, spürt man, dass man lebt?

Ja. Und vielleicht erkennt man sogar für einen Moment, dass selbst die Angst Schönheit besitzt.

Angst besitzt Schönheit?

Alles besitzt Schönheit. Man muss es nur richtig anschauen.

Marcel Reich-Ranicki hat einmal bei einer Zugfahrt gesagt: Landschaft interessiert mich nur, wenn sie gut beschrieben ist.

Genauso meine ich es. Schönheit in der Wahrhaftigkeit der Beschreibung. Mein Vater hat mir einmal von einem Vortrag erzählt, bei dem ein Mediziner Aufnahmen von Krebszellen zeigte. Krebs ist eine schreckliche Krankheit. Aber die Bilder waren schöner als das schönste abstrakte Gemälde. Darüber habe ich lange nachgedacht.

Dass selbst ein Aspekt des Sterbens schön sein kann?

Ja. Das sehen Sie jedes Jahr im Herbst, wenn die Blätter von den Bäumen fallen. Jedes Blatt stirbt. Und es stirbt mit einer grandiosen Schönheit. Es gibt nichts Hässliches. Auch das Hässliche hat, je nachdem wie man es betrachtet, in sich eine Form von Schönheit.

... die Sie für Ihre Leser sichtbar machen ...

... wenn sie bereit sind, sich auf die Geschichte einzulassen. Die Leser sehen, was ich sehe. Sie gehen mit meinen Augen durch die Geschichte. Und die können sie dann unterschiedlich wahrnehmen und interpretieren.

Bestimmt werden Sie trotzdem manchmal nach der „Aussage“ Ihrer Bücher gefragt.

Und ich antworte immer: Es gibt keine. Ich möchte einfach eine Geschichte erzählen – und das so gut wie möglich.

Was macht denn eine gute Geschichte aus?

Sie muss wahrhaftig sein. Sie muss ein Thema mit Bedeutung haben. Sie muss so erzählt sein, dass man sich nicht langweilt. Und sie muss den Leser verändert zurücklassen.

Denken Sie beim Schreiben an Ihre Leser?

Nein, das wäre falsch. Es würde mich einengen. Aber ich denke nach dem Schreiben an sie. Meine Leser sind sehr besondere Menschen, das spüre ich bei jeder meiner Lesungen.

Inwiefern?

Sie gehen seit Jahren mit mir, sie folgen mir in all diesen Büchern. Oft durch die schwierigsten Themen. Sie begleiten meine Figuren, sie lassen sie eine Form von Wirklichkeit annehmen. Sie sind mittendrin, sie verlieren die Distanz, sie sind in diesen Geschichten zu Hause.

Genau wie Sie.

Gestern hat mir eine junge Frau aus Brühl geschrieben: Obwohl sie weiß, dass die Geschichten fiktiv sind, wünscht sie sich manchmal, auf dem Marktplatz Jette zu begegnen. Sie würde sie so gern kennenlernen und mit ihr reden. Dass das meinen Lesern auch passiert ... Diese Parallelität finde ich phänomenal! Meine Leser machen mich richtig glücklich.

 

Interview von Anja Lehmgrübner